#hoffnungsschimmer - das ist die Andacht in der Mitte der Woche während der Corona-Krise. Pfarrer Schümmer versucht immer am Dienstag im Laufe des Tages - oder wie in deisem Fall in den Abend- und Nachtstunden nach einem Dienstag - hier einen neuen Impuls zu veröffentlichen, der Sie während der Woche begleiten kann.

Pfarrer Schümmer und Pfarrerin Schrom sind für Sie erreichbar, wenn Sie beim Lesen Gedanken mit jemandem teilen möchten.

#hoffnungsschimmer der vergangenen Wochen finden Sie hier.


Hoffen auf Ostern

#hoffnungsschimmer - Folge 2

Woche zwei der #hoffnungsschimmer. Eine gute Woche mit Kontaktverbot liegt hinter uns. In einem Leben, das immer so sicher war, wird auf einmal spürbar, dass die Bedrohung durch COVID-19 auch für Frankfurt immer konkreter wird. Improvisation bestimmt den Alltag, weil die Sicherheiten ins Wanken geraten sind – nicht zuletzt die Sicherheit, Gesundheit herstellen zu können. Und so sind auch die #hoffnungssschimmer nicht immer so planbar. Was als ein Tagesimpuls gedacht war, wird zu Gedanken aus der Mitte der Nacht. Denn dieser #hoffnungsschimmer schaut zurück auf einen ganz normalen Dienstag im Horizont der COVID-19-Kontaktsperre. Er führt vorbei an Begegnungen und Wahrnehmungen, die so oder so ähnlich vielleicht in vielen Häusern in Rödelheim gemacht wurden. Er macht einige Umwege durch biblische Miniaturen. Er bleibt bei all dem fragmentarisch, weil so viel gerade neu zusammengesetzt wird. Springen Sie gerne hin und her, lassen Sie sich vom Zusammenspiel zwischen Text und Musik treiben und suchen Sie ihren eigenen #hoffnungsschimmer für die nächsten Tage.

Der Tag beginnt mit einem Blick auf das Handy: Welche Hiobsbotschaft werden die Nachrichten heute wieder bereithalten? Sind die Ansteckungszahlen weiter gestiegen? Wer ist heute wohl wieder erkrankt? Mit welchen Einschränkungen haben wir in den nächsten Wochen noch zu rechnen? Tag für Tag sind die Nachrichten voll mit Medungen zu COVID-19. Ich mag kaum noch in die Nachrichten schauen – und zugleich kann auch ich mich dagegen nicht wehren. Wie so viele suche auch in den Nachrichten Sicherheit in einer Situation, die unvorhersehbar ist. Ich sehne mich nach etwas Kontrolle, wo das Leben sich gerade von seiner unverfügbaren Seite zeigt. Da entdecke ich in den Schlagzeilen der tagesschau-App eine Überschrift, die mir für einen Moment zum #hoffnungsschimmer wird: „Hoffen auf Ostern“.

Ja, das will ich! Ostern, das Fest, an dem aus der tiefsten Verzweiflung des Todes der Blick auf das Leben möglich wird! Der Artikel darunter hält zwar ganz und gar nicht, was ich mit der Überschrift verbunden habe, aber irgendwie begleiten mich diese drei Worte durch den Tag: „Hoffen auf Ostern“.

Ich bin dankbar für diesen #hoffnungsschimmer. Dankbare Erinnerungen an kleine Ostererlebnisse breiten sich aus: Der Weg hinaus aus der Trauer. Der Weg hinaus aus so mancher Verzweiflung. Der Weg hinein in die Gemeinschaft aus Zeiten der Einsamkeit. Der Ruf: „Der Herr ist auferstanden!“ Und die Antwort der Gemeinde: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“

 

 

Und so möchte ich an diesem Tag Begegnungen mit Menschen finden – virtuelle Begegnungen, versteht sich – denn das Kontaktverbot mahnt aus gutem Grund zur Vorsicht. Weiß ich, ob ich ungewollt schon ansteckend bin? Würde ich so zur Gefahr für andere werden? Nein, das möchte ich vermeiden und so bleiben die Kontakte Abstandskontakte. Vor allem das Telefon steht nicht mehr still. Wir reden viel. Manche Gespräche münden in langen To-Do-Listen und es bleibt die Frage, wann die To-Dos abgearbeitet werden sollen. Denn schon ist da die nächste Telefonkonferenz. Es ist fast so, als ob die Distanz eine umso größere Menge an Sitzungen, Telefonaten und Besprechungen hervorruft. Wo der Strom nicht mehr fließt, steigen die Spannungen. Irgendetwas war da in der Physik. Irgendetwas vom Zusammenhang zwischen Strom und Spannung. War es so, dass irgendwo die Spannungen abfließen müssen, das Spannung ohne Strom nur gegen unendliche Widerstände möglich ist? Was auf den Straßen ruht, diese unbewegliche Spannung, das wird in unzählbaren Datenströmen kompensiert. Videokameras für Videokonferenzen sind inzwischen fast überall ausverkauft. Schnell schwirrt der Kopf in dieser immer wilder drehenden Corona-Welt.

Einige Gespräche sind dennoch anders. In einigen Gesprächen finden wir Zeit und sprechen über Sorgen und Ängste. Die ersten Kündigungen sind in Rödelheim schon Realität geworden. Die Sorge um den Arbeitsplatz, die Sorge, wie denn die Miete bezahlt werden soll. Und über all dem die Sorge, um die Gesundheit von Eltern und Großeltern.

Die Sorgen müssen Worte finden, gerade weil das Kontaktverbot es nicht einfach macht, sich gegenseitig in der Begegnung zu stärken. Umso dankbarer bin ich, wenn die Worte nicht nur um den Aktionismus kreisen. Ich höre genau hin und spüre diese kostbaren Momente, wenn aus den Sorgen ein #hoffnungsschimmer herausleuchtet. Hoffnung auf einen Sinn in der Krise ebenso wie Hoffnung auf eine Berührung oder eine Begegnung.

Ich muss an die Ereignisse denken, die in den biblischen Berichten Ostern vorausgehen: An einen verzweifelten Jesus, der im Garten Gethsemane Gott anfleht (Mt 26, 37-39):

Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!

Ich höre dieses Flehen: „lass diesen Weg nicht so schwer werden“. Und zugleich weiß ich, dass für Jesus dieser Weg alles andere als leicht wird. Es kommt der Tod in den Kreis der Jünger. Alles Bitten und flehen scheint unerhört. Ich muss mich zwingen, wieder an diese drei Worte zu denken: „Hoffen auf Ostern“. In diesen Worten steckt eine tiefe Gewissheit: Gott geht mit durch die dunkelsten Stunden und er führt hinaus, wo die Situation ausweglos zu werden droht.

 

 

Und so erfahre ich auf einmal Nähe auf eine ganz andere Art und Weise: Ich sitze am Schreibtisch und stecke in einer Videokonferenz mit Menschen, die ebenfalls zuhause geblieben sind. Meine Kinder „treffen“ ihre Musiklehrer auf einem anderen Kanal und versuchen Musikunterricht aus der Ferne aus. Die Großeltern melden sich per Skype und wollen einfach nur mit der Familie reden, die Enkel einen Moment sehen, vielleicht ein Spiel spielen. Die Lehrerin oder der Lehrer kommt per Videobotschaft ins Esszimmer. All das klingt etwas nach Science Fiction – und doch ist es Realität. Ich spüre, wie wichtig es den Menschen ist, sich gegenseitig zu sehen. Denn indem sie sich sehen, werden sie zu Angesehenen.

Und zugleich spüre ich, dass dieses Sehen nur ein schwacher Ersatz ist. Die Forschung weiß es schon seit langem: Wo Kommunikation und Nähe durch technische Mittel überbrückt werden, bleibt etwas auf der Strecke. All die mimischen Feinheiten ebenso wie die Wärme, der Geruch, die leibliche Präsenz neben mir. Die Forscher sprechen von Medienreichhaltigkeit und versuchen die natürliche Begegnung so gut es geht zu simulieren. Ich spüre die Medienarmut, an die wir uns in den nächsten Wochen gewöhnen müssen.

Um so wichtiger ist es, dass die Erinnerung nachklingt an die echten leiblichen Erfahrungen. Die Fastenzeit lebt vielleicht gerade davon: Im Verzicht und in zeitweiser Armut bekommt die Erinnerung eine Chance. Und mit der Erinnerung kommt der Wert dessen wieder zur Geltung, worauf gerade verzichtet wird. Wir alle verzichten in diesen Tagen auf die unbeschwerte Begegnung mit anderen Menschen. Wir alle tun das nicht freiwillig, weshalb ich diesen Verzicht auch nicht schönreden will. Und doch spüre ich, dass im Verzicht Erinnerungen wieder wach werden an Berührungen und Begegnungen, die lange zurückliegen.

Diese Erinnerungen gehen tief, manchmal bis auf den Grund des Lebens. Welch ein #hoffnungsschimmer! Auf diesem Grund des Lebens frage mich, wer bis dorthin mitgeht und mich auch hier noch ansieht. Der 139. Psalm hat dafür wunderbare Worte gefunden:

Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

Da ist er, der #hoffnungsschimmer, den ich uns diese Woche mitgeben möchte. Quelle des #hoffnungsschimmers ist Gott, der dich und mich in diesen Momenten sieht. Es schaut hinein in die Zimmer der Isolation. Er sieht uns sitzen, in unseren Wohnzimmern. Er sieht uns aufstehen, auf unseren kurzen Wegen in die Küche, ins Bad, vielleicht auf den Balkon oder in den Garten. Er sieht dich und mich an und versteht unsere Gedanken. Der Gott der Psalmen braucht dafür keine Videokonferenz. Er ist einfach da, schaut dich und mich an und verwandelt uns alle in Angesehene.

Ja, dieser Gott kennt dich und mich mit allen Sorgen und Unsicherheiten. Manche mögen diesen allwissenden Gott als Märchengestalt abtun, ihn gegen die Wissenschaft mit den Corona-Tests ausspielen. Manche mögen diesen allwissenden Gott verabscheuen, aus Furcht, auch mit Fehlern angesehen zu werden. Manchen wird dieser Gott aber auch zum Halt und zum Garanten, Angesehene zu sein. Gottes Blick reißt heraus aus der Dunkelheit der Angst, denn dieser Blick ist der Grund für ein „Hoffen auf Ostern“. In diesem Blick ist das Leben Gottes Hand geborgen. Ich fasse Mut, genau darauf zu vertrauen. Und deshalb bitte ich für alle Menschen um Gottes Segen – auch und gerade für dich, wenn du diesen Text heute liest.

 

Gott segne dich und Gott behüte dich.
Gottes Anblick sei dir nahe
und umhülle dich mit seiner bewahrenden Gnade.
Gottes leuchtender Blick falle auf dich
und schenke dir Frieden.

 

Bibeltext der Lutherbibel revidiert 2017 © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart