Gottesdienst für Zuhause und im Gemeindezentrum.  Wir feiern am Sonntag, dem 14. Juni um 10:00 Uhr oder zu einem anderen Zeitpunkt Ihrer Wahl. Die Andacht hat Pfarrer Schümmer gestaltet.
Pfarrer Schümmer ist den Tag über erreichbar, wenn Sie Gedanken oder Sorgen mit jemandem teilen möchten.

Gottesdienste zuhause der vergangenen Wochen finden Sie hier.


Wenn ich einmal reich wär'!

Gottesdienst zuhause und im Gemeindezentrum am 1. Sonntag nach Trinitatis, dem 14. Juni 2020

Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir.

Es ist ein ungewohntes Bild, aber es ist schön, dass wir uns nach den langen Wochen der vorordneten Distanz heute endlich wieder zum Gottesdienst treffen können. Die Wochen der Kirche zuhause haben einiges von uns verlangt. Für viele war es eine ganz neue Erfahrung, zuhause Gottesdienst zu feiern, am Wohnzimmertisch oder in der Küche ein Gebet zu sprechen. Im Internet ein Lied zu hören.

Wäre es nicht wegen einer so realen Bedrohung der Gesundheit geschehen, hätte man die Zeit der Kontaktbeschränkungen sportlich nehmen können: Als eine Lernzeit, miteinander verbunden zu bleiben. Als eine Lernzeit, in der wir danach suchen, was uns wirklich fehlt und wonach wir uns sehnen, wenn wir nicht gemeinsam feiernde Gemeinde sind.

Der Beginn des Wochenliedes beschreibt gut, was mich in den letzten Wochen vielleicht mehr antrieb, als in den Zeiten vor dem Virus: „Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir.“ Es war die Sehnsucht, mit Gott und in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes verbunden zu bleiben, die Silke Schrom und mich immer wieder neu dazu anspornte, Andachtsimpulse nach Rödelheim zu schicken.

Aus vielen Rückmeldungen wissen wir von einigen der Erfahrungen, die Sie zuhause mit Ihrem Glauben gemacht haben. Nicht immer waren es Verlusterfahrungen. Lasst uns etwas von diesen Erfahrungen mit hineinretten, wenn wir jetzt wieder gemeinsam an einem Ort Gottesdienst feiern.

Votum

Und so feiern wir Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit Worten aus dem 34. Psalm

2 Ich will den HERRN preisen zu jeder Zeit.
Sein Lob soll stets aus meinem Mund kommen.
3 Mit ganzer Seele möchte ich den HERRN rühmen.
Die Armen sollen es hören und sich freuen!
4 Preist mit mir die Größe des HERRN!
Lasst uns gemeinsam seinen Namen hochleben!
5 Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir.
Er zog mich heraus aus allen meinen Ängsten.
6 Wer sein Angesicht erblickt, strahlt vor Freude.
Niemand wird vor Scham erröten.
7 Hier steht ein armer Mensch, der um Hilfe rief.
Der HERR hörte es
und rettete ihn aus aller Not.
8 Der Engel des HERRN lässt sich nieder bei denen,
die dem HERRN mit Ehrfurcht begegnen.
Er schützt sie von allen Seiten und rettet sie.
9 Schmeckt und seht selbst, wie gut der HERR ist!
Glücklich ist, wer bei ihm Zuflucht sucht.
10 Verehrt den HERRN, ihr Heiligen aus seinem Volk!
Ja, wer ihn verehrt, dem fehlt es an nichts.
11 Junge Löwen hatten nichts und mussten hungern.
Doch wer den HERRN sucht,
hat mehr als genug.

Bibeltext der Basisbibel © 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

... und mit Worten aus unserer Zeit

Gott, ich danke dir für die Zeichen der Hoffnung, die du uns schenkst. Ich danke dir für das Miteinander heute an diesem Ort und in den Wohnungen in Rödelheim.
Erfülle du unsere Feier mit deinem Heiligen Geist.
Bewege du uns, wenn wir dein Wort hören.
Stärke uns, wo wir selbst kraftlos geworden sind.
Das bitten wir dich durch Jesus Christus unsern Herrn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

Wenn ich einmal reich wär'...

Liebe Gemeinde,

wenn ich einmal reich wär‘! So singt es in dem Musical Anatevka ein armer Milchmann. Tjerve ist sein Name und er sehnt sich nach dem Glück des Reichtums.

Um Reichtum geht es auch im heutigen Predigttext aus der Apostelgeschichte. Er spricht von der Gütergemeinschaft der ersten Christinnen und Christen. Lukas malt das Bild von Menschen, die sich freiwillig von ihrem Besitz trennten, um etwas mehr Gleichheit in das Miteinander der Gläubigen zu bringen.

Predigttext Apostelgeschichte 4, 32-37

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. 34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. 36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde — das heißt übersetzt: Sohn des Trostes -, ein Levit, aus Zypern gebürtig, 37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Bibeltext der Revidierten Lutherbibel 2017 © 2017 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Ach, wenn ich einmal reich wär‘!

Dieser Traum des einfachen und armen Milchmanns aus dem russischen Anatevka spiegelt so manche Sehnsucht wider. Tevje, der Vater von drei Töchtern, lebt ein Jahrzehnt vor der russischen Revolution traditionsbewusst im kleinen russischen Ort Anatevka. Jede und jeder weiß, wohin er gehört. Doch manchmal brechen diese Schranken auf. Die Heiratsvermittlerin Jente steuert im Dorf, wer sinnvoll eine gemeinsame Zukunft haben kann. Und wer Glück hat, macht dabei eine gute Partie. Als Tevje hört, dass eine seiner Töchter eine gute Partie machen könnte, beginnt er zu träumen.

Er träumt sich hinein in die Welt der Reichen im Ort. In seinen Träumen baut er ein Haus, wie es keine größeren gibt. Sein Hof, der bisher eher ärmlich daherkommt, wird in seinem Traum zu einem Ort, dem jede und jeder den Reichtum ansieht.

Wenn ich einmal reich wär‘!

Für Tevje wäre der Reichtum das Ende der Respektlosigkeit. Endlich würden die anderen nicht mehr auf ihn herabschauen. Er müsste nicht mehr jeden Tag zur Arbeit gehen, er müsste sich nicht jeden Tag sorgen, was er essen und trinken würde.

Und doch spürt er, mit dem Reichwerden ist es nicht so leicht. Zu fest sind die Verhältnisse in seinem Dorf verankert. Zu stark sind die Löwen, die über die Schafe herrschen.

„Herr, du schufst den Löwen und das Lamm. Sag', warum ich zu den Lämmern kam! Wär' es wirklich gegen deinen Plan, wenn ich wär' ein reicher Mann?“

Tevje erkennt: Wer reich ist, der hat Zähne, wie ein Löwe, der kann Angst verbreiten. Nicht selten wird auch heute noch vom Raubtierkapitalismus gesprochen. Besitz ist eben nicht nur der Wohlstand für den einzelnen, sondern auch immer ein Mittel, andere in seine Schuld zu stellen. Und wo immer etwas von meinem Besitz in die Hände anderer übergeht, gebe ich etwas von dieser Kontrolle ab. Und wo ich Reichtum sammle, sammle ich Macht.

In Tevjes Traum ist das zu spüren. Er baut ein hohes Haus mit einer beeindruckenden Treppe. Wer zu ihm kommen will, der muss sich auf einen Aufstieg begeben. Jede Stufe kostet Kraft. Jeder Schritt auf den reichen und mächtigen zu zeigt, wie klein man doch selbst ist.

Das Bild vom wilden Raubtier und dem sanften Lamm – ein Bild aus biblischen Zeiten – bringt die Gefühle, die Ängste und die Scham hinter der Abhängigkeit auf den Punkt. In der Bibel begegnet es uns bei Jesaja, der von einer Zeit träumt, zu der Raubtiere und Lämmer zusammenwohnen. Jesaja träumt von einer Zeit, in der die Raubtiere ihre Waffen der Macht abgelegt haben und zu der die Raubtiere nicht mehr die wehrlosen fressen müssen, um selbst zu überleben.

Weniger träumerisch begegnet das Bild vom Wolf und dem Schaf bei Jesus Sirach. Dort heißt es im 13. Kapitel:

19 Jedes Tier liebt seinesgleichen und jeder Mensch den, der ihm am nächsten steht. 20 Jedes Geschöpf hält sich zu seiner eigenen Art; so soll auch der Mensch sich gesellen zu seinesgleichen. [...] 22 Wie die Hyäne mit dem Hund nicht Frieden hält, so auch der Reiche nicht mit dem Armen. 23 Wie der Löwe in der Steppe frisst, so fressen die Reichen die Armen. 24 Wie der Hochmütige verachtet, was gering ist, so verachtet auch der Reiche den Armen.

Bibeltext der Revidierten Lutherbibel 2017 © 2017 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Wenn ich einmal reich wär‘!

Tevje träumt diesen Traum und wird mitten im Traum vom Schaf zum Wolf. Er beginnt zu herrschen, weil die Macht der Herrschenden mit dem Reichtum zu ihm kommt. Und er herrscht genau mit den Mustern, die ihn selbst in seiner Armut so lange klein gehalten haben.

An dieser Stelle bleibt ein schales Gefühl zurück. Ist es denn wirklich so, dass die Kluft zwischen Reich und Arm, die Abhängigkeit zwischen Mächtigen und Unterdrückten auf ewig zementiert ist, wie die Feindschaft zwischen Wolf und Lamm? Ist das Gottes ewiger Plan?

Wenn das so ist, dann mag ich diesem Schauspiel nicht länger zuschauen. Wagen wir also einen Szenenwechsel.

Wenn ich einmal frei wär‘!

In den letzten Wochen gehen unzählige Menschen auf die Straßen. Sie demonstrieren gegen Unterdrückung und Sklaverei, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe zu Menschen zweiter Klasse degradiert werden. Aufgerüttelt durch den gewaltsamen Tod von George Floyd machen sie sichtbar, wie auch lange nach dem offiziellen Ende rassistischer Gesetze das Denken in den Köpfen vieler reicher weißer noch von der Geschichte der Unterdrückung geprägt ist.

John Dorhauer, der Kirchenpräsident unserer Schwesterkirche in den USA, der United Church of Christ, hat in seiner Ansprache zum Tod von George Floyd das Bild vom Löwen und dem Lamm aufgegriffen (https://youtu.be/imluW8J0lgI): zwei ungleiche Gegner, die aufeinandertreffen. Ein Vergleich ist mir aus seiner Rede in Erinnerung geblieben: Wenn er morgens über die Straße geht, um beim Bäcker Brot zu kaufen, kann er sich sicher fühlen. Den er gehört zur weißen Mittelschicht. Anders geht es vielen Menschen mit anderer Hautfarbe: Sie haben Angst vor Anfeindungen, vor Missachtung, vor Gewalt. Im Fall von George Floyd war diese Gewalt das Todesurteil.

Eine Erfahrung aus einem anderen Teil unserer Erde? Auch hier ist Freiheit nicht gleich Freiheit. Auch hier werden Menschen beschimpft und herabgewürdigt, weil sie fremd sind, weil sie nicht dem Bild der traditionell Mächtigen entsprechen. Auch hier werden die Waffen von Macht und Unterdrückung nach wie vor ausgepackt, um die Herrschaft übereinander zu erhalten.

Damit friedliches Miteinander möglich wird, müssen die Mächtigen alle Mittel der Macht und der Unterdrückung ablegen. Der Löwe kann nur friedlich mit dem Lamm zusammenleben, wenn er seine Reißzähne abtut. Der Löwe muss einen Weg finden, sich nicht länger von der Erinnerung an die Macht des Stärkeren bestimmen zu lassen.

Spätestens hier merke ich, was das eigentliche Geheimnis für ein echtes Miteinander ist: Es geht nicht darum, Armut und Reichtum umzudrehen oder die Rollen zwischen Schafen und Löwen zu tauschen. Es geht darum, die Waffen der Unterdrückung insgesamt abzulegen. Es geht darum, die Versklavung unter uns zu beenden, hin zu einer Zeit, in der nicht mehr die Macht übereinander unser Miteinander bestimmt.

Wenn ich einmal gleich wär‘!

So müssten wir dann vielleicht träumen. Sie mögen jetzt sagen: So ein Traum bleibt das Bild eines Traumtänzers auf den Dächern der Stadt.

Aber selbst dann lohnt es sich, diesen Traum zu träumen. Lukas tat dies, als er die Geschichte der ersten Christen aufschrieb. Er tat dies in dem Wissen, dass vieles davon mehr Wunschtraum als real existierende Geschichte war. Aber ohne diesen Traum bleiben wir auf Ewig getrennt zwischen Besitzenden und Versklavten, zwischen Löwen und Lämmern.

Bei Lukas lebten die Christen zusammen und sie waren ein Herz und eine Seele. Sie schafften es, die Machtwerkzeuge beiseite zu legen, denn sie sagten nicht länger dies ist meins und nicht deins. In dem Moment, als Josef seinen Acker verkauft und das Geld der Gemeinschaft zu Füßen legt, gibt er seinen Anspruch zu herrschen auf.

„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“

Was für ein mächtiger Traum, was für eine unglaubliche Utopie. Lukas selbst beschreibt schon wenige Verse später, wie schwierig es für viele ist, die alten Muster von Besitz und Macht abzugeben. Trotzdem schreibt er diese Utopie auf. Wir brauchen solche Utopien, um Mut zur Veränderung zu bekommen.

Ganz konkret habe ich dies in unserem Gemeinschaftsgartenprojekt erlebt: Als Kirchengemeinde haben wir einer Gruppe von Menschen in Rödelheim einen unserer Gärten überlassen. Die Utopie dahinter: Eine Gruppe schafft es irgendwann, gemeinsam einen Garten zu pflegen, ohne dass mein und dein im Vordergrund stehen. Was einfach klingt, ist doch schwierig. Gerade am Anfang brauchen einige die Sicherheit eines eigenen Bereichs, um die Saat im Garten zu legen. Sie müssen „mein sagen können, um frei zu sein.“ (Zitat aus der Denkschrift der EKD) Aber gerade deshalb glaube ich weiter an dieses Projekt. Ich bin sicher, dass mit der Zeit ein Miteinander ohne meins und deins an solchen Orten möglich sein kann. Manche sagen, diese Geschichte wird erst Wirklichkeit werden, wenn Gottes Reich auch den letzten Winkel der Wirklichkeit durchdrungen hat. Aber sollte das ein Grund sein, nicht heute schon darauf zu vertrauen?

Und ein zweites konkretes Beispiel: Mitte März schlossen auf einen Schlag fast alle Geschäfte in unserer Stadt. Für viele begann eine Zeit der großen Langeweile. Vorbei war der Einkaufsbummel. Vorbei die Zeit des Freizeitkonsums. Flüge wurden gestrichen und es wurde ruhiger in, um und über Frankfurt. Die Unruhe des Konsums, die maßlose Mobilität, die Angst vor der Stille traten für einen Moment in den Hintergrund. Neben aller Furcht, aller Sorge und allem Leid, die in der Corona-Zeit viele Menschen aus der Bahn warfen blitzt für mich in den letzten Wochen eine Utopie auf. Denn an manchen Stellen habe ich neu erkannt, was es heißt, so viel zu haben, wie ich brauche. Das ist viel weniger, als ich es in der Hektik des Alltags vor Corona noch glaubte.

Wenn ich einmal reich wär‘!

Im Musical Anatevka trifft der Traum schnell auf die Wirklichkeit – doch anders als von Tevje vermutet. Seine Tochter hat sich in einen armen Schneider verliebt. Der Traum des Reichtums zerplatzt, aber die Familie findet etwas viel Größeres: Die Liebe lässt sie Grenzen zwischen Völkern und Religionen überwinden. Die Liebe gibt seinem Leben Heimat.

Und die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele.
Amen.

Gebet

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auch auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen

Segensbitte

Gott segne dich und behüte dich.
Lass dein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Erhebe dein Angesicht auf dich und schenke dir und der ganzen Welt Frieden.
Amen