Gottesdienst für Zuhause.  Wir feiern am Sonntag, dem 28. Juni um 12:00 Uhr oder zu einem anderen Zeitpunkt Ihrer Wahl. Die Andacht hat Pfarrer Schümmer gestaltet.
Pfarrer Schümmer ist den Tag über erreichbar, wenn Sie Gedanken oder Sorgen mit jemandem teilen möchten.

Gottesdienste zuhause der vergangenen Wochen finden Sie hier.


Bild von Ulrike Mai auf Pixabay

Gnade, die nach vorne schaut

Gottesdienst zuhause am 3. Sonntag nach Trinitatis, dem 28. Juni 2020

Heute sollen uns einige Verse aus dem Buch des Propheten Micha im Gottesdienst begleiten. Es geht dabei um die Vergebung von Sünde. Ein sperriges Thema auf den ersten Blick. Haben wir nicht schon genug Sorgen mit Corona? Doch auf den zweiten Blick wird die erlösende Kraft spürbar. 

Kommen Sie mit auf Entdeckungsreise mit dem Klang unserer Glocken.

Votum

Lasst uns Gottesdienst feiern im Namen Gottes des Vaters, der uns mit offenen Armen entgegenkommt, wo auch immer wir uns verirrt haben,
im Namen des Sohnes, der mit uns ein Stück des Weges geht 
und im Namen des Heiligen Geistes, der all dem eine leichte Beweglichkeit gibt.
Amen.

Eingangsgebet

So vieles trage ich mit mir herum, Gott:
alte Verletzungen, die nie geheilt sind,
alter Streit, dem ich immer aus dem Weg gegangen bin,
alte Fehler, über die ich mich nicht zu sprechen getraut habe.
Ich suche Vergebung und kann selbst nicht vergeben.
Nicht meinen Nächsten und nicht mir selbst.
Und so bitte ich dich: Herr erbarme dich.

Predigttext Micha 4, 18-20

18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! 19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. 20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Bibeltext der Revidierten Lutherbibel 2017 © 2017 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt (EG638)

Ein Lied als Antwort auf den Predigttext.

Sonntagsgedanken: Gnade, die nach vorne schaut

Viele Jahre waren die beiden schon verheiratet. Fast 50 Jahre waren es. Jeden Morgen saßen sie zusammen am Frühstückstisch. Ihr Leben hatte sich eingespielt, auch wenn sie sich nicht mehr so viel zu sagen hatten. Er aß sein Brötchen, das sie Tag für Tag vom Bäcker holte. Und sie erinnerte sich eigentlich kaum noch daran, warum sie jeden Morgen beim Bäcker anstand. In ihrem Kopf meldete sich in diesen Momenten ein Vers aus der Bibel: „Liebe erträgt alles“. So ähnlich hatte sie das in Erinnerung.

Es herrschte eine stille Übereinkunft. Sie sprachen einfach nicht mehr darüber. Sicher hatte er es damals gut gemeint, als er sie dazu überredete, ihr großes Haus zu verkaufen. Sicher war es auch logisch, jetzt hier in dieser barrierefreien Wohnung zu leben. Doch als er dann auch noch durchsetzte, dass sie den Garten abgaben, brach für sie das letzte Stückchen Heimat weg. Es war irgendwie logisch, dass sich das Paar verkleinerte. Wer sollte die Wohnung und den Garten noch in Schuss halten? Sie spürte es erst einige Monate später, wie sehr ihr Herz am alten Haus und dem Garten hing. Von dem Moment an begann sie ihrem Mann Vorwürfe zu machen. Das hätte er nie tun sollen! Verkleinern, das ist doch Wahnsinn. Er schwieg dazu, saß die Beschuldigungen aus und hoffte darauf, dass sie schon wieder zusammenfinden würden. Und tatsächlich: Sie sprach nicht mehr so oft davon. Sie sprach überhaupt viel weniger. Meistens schwieg sie. Er ja wirklich vernünftig vorgegangen - da war er sich sicher - da musste nichts geklärt werden.

Aber sie schwieg vor allem, weil sie die langen Streitigkeiten leid war. Einmal sagte sie fast nur zu sich selbst, „Es ist schon gut so.“, und er antwortete mit einem knappen „Hmmm“. 

Ihre Enttäuschung fand andere Wege. Wenn sie mit ihren Freundinnen zusammenkam, was eigentlich kaum noch vorkam, dann gab es für sie eigentlich nur ein Thema: „Wie konnte er ihr das nur antun! Alles woran sie hing, einfach so wegzugeben, wo es doch noch gut war.“ Und dann zählte sie auf, was sie so enttäuschte. Er war so träge geworden. Nichts wollte er mehr unternehmen. Ach, es war wohl klar, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Sonst hätte er ihr das sicher nicht angetan. Doch als sie zuhause ankam, sagte sie sich „Es ist schon gut“, bereitete das Mittagessen vor und dann saßen sie schweigend am Tisch. Liebe erträgt alles. Er blickte kaum auf, als sie ihn fragte, ob alles gut sei. Einzig ein „Hmmm“ war zu hören.

Warum musste sie auch immer fragen, ob alles gut sei, dachte er. Nichts war gut, als sie wieder und wieder ihre Frage stellte. Zugegeben, der Plan ging nicht auf. Das Leben war jetzt ein anderes. Aber sie wollte immer nur zurückschauen. Sie wartete scheinbar darauf, dass er irgendwann einmal zugab, dass es ein Fehler war. Aber da konnte sie lange warten. Es war und blieb vernünftig. Und so hatte er sich sein „Hmmm“ angewöhnt. Es war seine Kurzform dieses Bibelwortes, das seine Frau ihm einmal erzählt hatte: „Liebe erträgt alles.“ Nach dem „Hmmm“ war Ruhe, auch wenn es ihn immer wieder ärgerte, wie wenig sie sein Handeln verstand. Sollte sie doch glauben, dass ihn nichts mehr interessiert. Das war immer noch besser, als das ewige Aufwärmen der Vergangenheit und diese nie endenden Andeutungen.

Am nächsten Morgen saßen sie wie jeden Morgen am Frühstückstisch und schwiegen. Er aß sein Brötchen, das sie Tag für Tag vom Becker holte. Und sie erinnerte sich eigentlich kaum noch daran, warum sie jeden Morgen beim Bäcker anstand.

Lassen wir die beiden einen Moment am Frühstückstisch sitzen und wenden uns dem alten biblischen Text von Micha zu. Als Micha im 8. Jahrhundert vor Christus wirkte, war viel schief gegangen. Es gab Fremdherrschaft. Für viele gab es nur einen vernünftigen Weg: Man musste sich arrangieren, das Spiel des Profits und der Habgier mitspielen, um am Ende auf der Seite der Gewinner zu stehen. Und so breitete sich Korruption und Betrug aus. So gewann die Gier über der Vernunft. Die Regeln des Alten Bundes schienen bedeutungslos geworden, die Beziehung zwischen Gott und Menschen nicht länger wichtig.

Und wenn schon, dann war da bestimmt der liebende Gott, der in seiner Liebe alles erträgt. Der Gott, der Sünden vergibt. Sie waren sich sicher, dass schon alles in Ordnung wäre. Sie wollten schon gar nicht mehr mit Gott diskutieren. Auf seine Frage, ob alles in Ordnung sei, kam von den Menschen nur noch ein „Hmm.“ Mehr müsste Gott wahrscheinlich eh nicht hören. Oder doch?

Sie saßen wie jeden Morgen am Frühstückstisch. Aber wenn sie ehrlich wären, wüssten sie gar nicht mehr, was sie sich zu sagen hätten.

Micha erzählt von einem anderen Gott. Der Gott Michas gibt sich nicht mit einem „Hmm“ zufrieden. Nein, er bringt zur Sprache, was ausgesprochen werden muss. Denn der Gott Michas sehnt sich nach einer Beziehung in Liebe und Gerechtigkeit. Er benennt Missstände, wo sie das Leben zur Farce machen. Dieser Gott schweigt selbst am Frühstückstisch nicht. Ihm ist nicht egal, wo das Leben behindert wird. Das kleine Wörtchen Sünde springt mir ins Auge und ich merke, damit ist viel mehr gemeint als eine Regelverletzung. Wo die Sünde sich breit gemacht hat, bleibt am Ende meist nur ein „Hmm.“ Denn Sünde ist vor allem der Bruch der Beziehung. Sie ist die Gleichgültigkeit dem anderen Gegenüber. Sie ist Gleichgültigkeit gegenüber Gottes Option für das Leben.

Und so sitzen auch heute wieder Menschen am Frühstückstisch, denen nur ein „Hmmm.“ Über die Lippen kommt. Darauf will ich heute achten. Auf die vielen „Hmms“, wenn es um soziale Gerechtigkeit in unserem Land geht. Auf die „Hmms“, wo über die Verhältnisse hinaus gelebt und das Leben von Pflanzen, Tieren und anderen Menschen mit Füßen getreten wird. Auf de „Hmms“, wo Menschen unterdrückt und versklavt werden. Ich schaue auf diese große „Hmms“ der Gleichgültigkeit und spüre, wie sie sich auch bei mir immer wieder breitmachen wollen.

In diesem Moment hoffe ich auf Gott. „Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“ Auf einmal nimmt wieder jemand die Gotteseinsamkeit der letzten Jahre ernst und kämpft gegen den Impuls der Zerstörung an. 

Und so sitzen sie wieder am Frühstückstisch. Die Brötchen fehlen für einen Moment und sie schauen sich lange in die Augen. Sie spüren, wie sehr ihnen diese Verbindung gefehlt hat und auf einmal beginnen sie über alles Trennende zu sprechen. Die Liebe wird das Gespräch ertragen, weil sie nicht zum Schweigen gebracht werden will. Die beiden nehmen sich zeit und beichten sich gegenseitig, was sie trennt. Mit jedem Wort fassen sie wieder Vertrauen. Alles Scheitern können sie nun Gott anvertrauen. Das kleine Scheitern in ihrer Beziehung ebenso wie das große Scheitern an den Herausforderungen bei Klimaschutz, Wirtschaft und Friedensarbeit. 

Wagt es einmal und gebt Gott diese Steine mit. Denn er hat einen Ort am tiefsten Meer, wo die Gottesferne keine Bedrohung mehr ist. Manche werden von dem Gespräch als Beichte sprechen. Andere werden sich verwundert fragen, wie die beiden wieder zueinandergefunden haben. Vielleicht lag es am Blickwechsel Gottes, der die beiden aus dem unsäglichen Kreislauf von Anschuldigung und Verteidigung gerissen hat. Ganz sicher wird Gott sich freuen, dass den beiden ein Neuanfang offensteht.

Und so sitzen sie wieder am Frühstückstisch und schauen nach vorne. Sie entwickelten Ideen, wie ihr Leben auch am neuen Ort wieder leicht und fröhlich sein kann. Auf einmal sind sie frei von der Last der gegenseitigen Vorwürfe. Sie fühlen sich irgendwie erlöst. Ihr Frühstückstisch ist jetzt ein Tisch, auf dem sich das Leben in voller Pracht ausbreitet. Und die beiden schauen gespannt auf das nächste Jahr ihres gemeinsamen Weges.

Lied: Nun danket all und bringet Ehr (322, 1-5)

Mit einem Lied laden wir Sie ein, auf die Predigt zu antworten.

Einladung zum Gebet

Wir wollen beten,
für alle Menschen in verhärteten Konflikten in unserer Mitte und darüber hinaus.
Schenke du ihnen deine Gnade und verbanne die Konflikte in die Tiefe des Meeres.

Wir wollen beten für alles Leid, das die Zerstörung deiner Erde Tag für Tag anrichtet.
Schenke uns einen Blick für das Leben, der auch unsere Erde mit einbezieht.

Wir wollen beten für alle Kranken in unserer Stadt und darüber hinaus.
Erlöse sie aus ihrem Kreislauf der Klage und schenke ihnen Hoffnung auf einen gemeinsamen Weg mit dir.

Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auch auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen

Segensbitte

Gott segne und uns behüte uns.
Lass du dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Erhebe dein Angesicht auf uns und schenke uns und der ganzen Welt Frieden.
Amen.